Etymologie des Namens Gran Canaria
Nach Teneriffa und Fuerteventura ist Gran Canaria mit 1560km² die drittgrösste Insel des kanarischen Inselachipels.
Die Insel befindet sich ca. 210km östlich der Südküste Marokkos im Atlantischen Ozean – käme man auf die Idee, am südlichsten Punkt der Insel mit einem Boot in gerader Linie in Richtung Süden zu schippern, so gelänge man an die Küste der Westsahara. Kurios: Würde man das Gleiche auf der Insel El Hierro – der westlichsten Insel des kanarischen Archipels – tun, so würde man bis zur Antarktis auf kein Festland oder bewohnte Inselgruppe mehr treffen!!
Aber zurück zu Gran Canaria: Die annähernd kreisförmige Insel mit einem Durchmesser von ca. 50km brachte es mit einer Einwohnerzahl von 829.597 im Jahre 2008 auf eine der bevölkerungsreichsten kanarischen Inseln, lediglich übertroffen von Teneriffa mit einer Bevölkerungszahl von 886.033.
Was diese Zahlenangaben anbelangt, so sind sich die Wissenschaftler ausnahmsweise einmal einig – die Differenzen lassen jedoch auch im Falle Gran Canaria nicht lange auf sich warten:
Bezüglich der Etymologie des Namens “Gran Canaria” gehen die Meinungen bis heute recht weit auseinander …
Es scheint relativ sicher dass unter Juba II (ca. 50 v.Chr – 23 n.Chr, Aliierter des römischen Imperiums und durch dieses als König von Mauretanien eingesetzt) eine Expedition zu den Kanarischen Inseln stattfand. Durch seine gute Erziehung in Rom war Juba II auch schriftstellerisch begabt und tätig, und so hielt er die Erfahrungen seiner Expedition zu den Kanarischen Inseln auf Papyrus fest.
Leider haben von all den Werken, die Juba II verfasste, nur sehr wenige Fragmente die Zeiten überdauert. Die Informationen, die uns heute über die besagte Kanaren-Expedition vorliegen, haben wir fast ausschliesslich einem Text aus dem Werk “Naturalis Historia” von Plinius dem Älterem zu verdanken, geschrieben Jahre nach dem Tod von Juba II.
So weit, so gut, aber nun beginnen die Theorien – Plinius der Ältere behauptet, dass in den Beschreibungen der Kanaren-Expedition von Juba II der Name “Canaria” schon vorkommt – die Frage ist, warum?
Viele Forscher glauben, dass es sich bei dem Namen Gran Canaria um eine lateinisierte Form des ursprünglichen Namens der Insel oder des Namens der damaligen Inselbevölkerung handelt.
Einige Geschichtswissenschaftler beziehen sich auf ein Berbervolk, die Canarii, es gibt jedoch Quellen, die daran zweifeln lassen, dass es sich bei dieser Tribu um den Namensgeber der Insel gehandelt hat:
Im Jahre 42 n.Chr. startete der Prätor Suetonio Paulino eine Expedition in das Atlasgebirge. Grund der Expedition waren Aufstände der mauretanischen Volksstämme aufgrund der Besetzung Maretaniens von Seiten des römischen Imperiums. Während dieser Expedition stiess Suetonio Paulino auch auf eine Tribu, die sich Canarii nannte (ein Volksstamm, der wahrscheinlich aus dem Südosten des heutigen Marokkos stammte). Die Römer hatten damals mehrere Methoden, mit ungehorsamen Stämmen umzugehen, eine davon war die Verbannung auf unbewohnte Inseln – eine für die Römer zudem sehr praktische Art, Gebiete zu kolonialisieren.
Da die Expedition von Suetonio Paulino (und folglich auch eine mögliche Verbannung der Tribu Canarii, wenn es denn überhaupt so war) viele Jahre nach dem Tod von Juba II stattfand, ist es meiner Ansicht nach aber sehr unwahrscheinlich dass diese Tribu Gran Canaria seinen Namen gegeben hat.
Eine weitere, mit der Zeit sehr verbreitete Theorie soll auf ein Ereignis während der Kanaren-Expedition Jubas II zurückzuführen sein. Nach einer Erkundungsexpedition der Insel Gran Canaria berichteten die Männer Juba II von grossen “canis” (Hunden), welche die Insel bevölkern würden und brachten Juba II als Beweis zwei grosse Exemplare mit.
Folglich könnte der Name Gran Canaria auch von der lateinischen Bezeichnung für grosse Hunde (grandis canis) abgeleitet worden sein.
Der Geschichtswissenschaftler José Juan Jiménez geht noch einen Schritt weiter: Laut seiner Teorie bezieht sich Plinius der Ältere mit “canis” nicht auf Hunde, sondern auf Seehunde, da bisher nur archäologische Reste von sehr kleinen Hunden auf der Insel geborgen werden konnten.
Die Seehunde hingegen vereinen die Kriterien, sehr grosse Tiere zu sein und waren zudem in Zeiten der Römer in Mengen auf Gran Canaria anzutreffen, v.a. in den Monaten Juni-Juli, während der Paarungszeit, in welcher die Passatwinde ein Segeln zu den Kanarischen Inseln wesentlich erleichterten.
Eine weitere Theorie leitet den Namen Gran Canaria von alten Schriftstücken ab, welche sich darauf beziehen, dass Hundefleisch ein Bestandteil der Ernähung der damaligen kanarischen Bevölkerung gewesen sei. Was diese Theorie anbelangt, sind sich die Forscher allerdings nicht einig, viele gehen von einem Übersetzungs- oder Interpretationsfehler der Originaltexte aus.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die am weitesten verbreitete Theorie die Ableitung des Namens Gran Canaria vom lateinischen Begriff für grosse Hunde, “canis grandis”, ist – diese Erklärung wird auch von Touristenführern immer wieder gerne aufgegriffen. Aber wie man sieht, ist die Angelegenheit bei näherer Betrachtung doch nicht ganz so einfach…



